Interview mit Mario Fischer

Wir hatten das Interview bereits vor einigen Wochen angekündigt. Aber wie das eben manchmal so passiert hat sich die Veröffentlichung ein bißchen verzögert. nach dem Prinzip “Gut Ding will Weile haben” wurde dafür aber mehr Arbeit in den Inhalt gesteckt. Professor Dr. Mario Fischer ist ein Experte in den Bereichen der Usability von Webseiten und der Suchmaschinenoptimierung kurz SEO. Sein Buch “Website Boosting” rangiert aktuell auf Platz 1 der Topseller bei Amazon (Affiliate Link). Wir sind sehr froh, dass wir ihn mit unseren Fragen nerven durften und danken für diese Gelegenheit. Der Schwerpunkt unseres Gesprächs war die Verbindung von Maßnahmen der Suchmaschinenoptimierung und der Benutzbarkeit. Wie sind die Auswirkungen der SEO auf die Benutzbarkeit etc.. Aber langer Rede kurzer Sinn: Lest das Interview :-)

Here we go:

1. Frage:
Wer sind Sie?

Antwort:
Professor Dr. Mario Fischer.

2. Frage:
Was machen Sie?

Antwort:
Ich bin Professor für Wirtschaftsinformatik an der FH Würzburg. Außerdem leite ich als Direktor des TMS-Instituts in Nürnberg und bin Autor des Fachbuchs Website Boosting – weswegen wir ja hier zusammensitzen.

3. Frage:
An welchen Punkten beeinträchtigt eine Suchmaschinenoptimierung Ihrer Meinung nach die Usability einer Website?

Antwort:
Prinzipiell eigentlich nirgends wenn es richtig gemacht wird. Die Algorithmen agieren schließlich von der Mustertechnik her genauso wie Menschen. Moderne Techniken ermöglichen zwar andere Möglichkeiten der Benutzerführung, sorgen aber eventuell dafür, dass einige Inhalte für die Spider der Suchmaschinen nicht zugänglich sind. Weiter kann es passieren, dass dadurch Links oder Inhalte von Suchmaschinen-Robots nicht mehr korrekt erkannt werden können. Trotzdem können diese Technologien sinnvoll sein. Zu dem Stichwort Ajax und Web 2.0-Techniken konnten wir in Untersuchungen in unserem Usability-Lab feststellen, dass eine weiche Überblendung bei Seitenübergängen beispielsweise Benutzern durchaus helfen kann, Veränderungen auf einer Website besser zu registrieren. Der Benutzer sieht so leichter, dass sich etwas bewegt.
Ein ganz einfaches Beispiel für eine optimierte Benutzerführung mittels Ajax findet man z. B. auf http://tools.suchmaschinen-tippgeber.de. Unsere internen Studien bestätigen uns eine gute Akzeptanz vor allem für das weiche Überblenden. Das Projekt selber befindet sich aber noch im Betastadium.

4. Frage:
„Suchmaschinen mögen themenrelevante, interne Verlinkungen. Wie bewerten Sie die Auswirkungen der internen Verlinkung auf die Usability bei Seiten wie beispielsweise Preisvergleichern“

Antwort:
Menschen mögen minimalistische Webseiten und deshalb ist bei der internen Verlinkung Vorsicht angebracht. Crowding Out (sehr viele Inhalte und Links auf einer Website und dementsprechend engem Raum, Beispiel: Preisvergleichswebseiten) ist häufig eher ein Overkill und sorgt für Frustration. Es gilt das 7-Items Prinzip (maximal 7 Hauptelemente auf einer Seite), denn mehr kann ein Mensch im Kurzzeitgedächtnis gar nicht zwischenspeichern. Man kann sich auf den schnellen Blick schlicht nicht mehr merken!

5. Frage:
Welche Tracking Methoden sollte ein Suchmaschinenoptimierer zusätzlich anwenden um vernünftige Aussagen über die Bedienbarkeit einer Seite zu erhalten?

Antwort:
Etracker ist z. B. gutes Tool da es günstig ist und trotzdem gute Informationen liefert. Mittlerweile sind dort auch sog. Heatmaps verfügbar, aber die hab ich bisher noch nicht richtig zum Laufen bekommen. Das kann aber mit der Verwendung des Base-Tags zusammenhängen. Ein paar Dinge funktionieren dort einfach noch nicht richtig. Was mich stutzig macht ist, dass teilweise hinter den URL zusätzliche Parameter generiert werden wie „?et_overlay=1&et_h=0“. Wahrscheinlich ist das niemandem bei etracker bewusst, aber im Hinblick auf Google und double-content kann es tödlich sein, ein und dieselbe Webseite mit unterschiedlichen Adressen anzusteuern oder gar anzulinken. Hier muss man sicher noch nachbessern.
Aktuell gibt es eine meines Erachtens bei Clickstream eine gute Alternative, die auch Klicks aufzeichnet, die nicht auf Links gemacht werden. Man kann hier sehr gut sehen, wo Menschen vergeblich versuchen zu klicken (z. B. auf Bilder oder unterstrichenen Text), obwohl gar kein Link da ist. Dies hilft, die Usability noch weiter zu verbessern. Super ist auch die Zeitfunktion dort: Man kann für jede Seite sehen, wie lange seit dem Öffnen jeder Einzelseite jemand gebraucht hat, um auf den einen oder anderen Link zu klicken. (Empfehlung für Heatmaps: Clickstream).

Google Tools (Analytics) sollte meiner Ansicht nach in Deutschland nicht verwendet werden, solange das rechtlich noch nicht geklärt ist. Google darf die damit gewonnenen Informationen laut AGB`s weiterverwenden. Das Problem ist, das Google durchaus potentiell dazu in der Lage ist, diese Daten auch mit echten Menschen in Verbindung zu bringen. Ob sie das tatsächlich tun, ist rechtlich irrelevant. Allein die Möglichkeit bringt einen Webmaster rechtlich gesehen in tiefes Wasser, da das meines Wissens nach in Deutschland ohne ausdrückliche Zustimmung des Users nicht erlaubt ist.

6. Frage:
Gelten die Regeln der Usability auch für die Landing Pages oder sind hier andere Maßnahmen besser geeignet um die Conversions-Rate zu erhöhen?

Antwort:
Über die Googletoolbar können inzwischen alle Formen der Weiterleitung erkannt werden (sofern die PageRank-Anzeige aktiviert ist). Daher kann der Suchgigant auch ganz gut messen, wer auf einer Landingpage bleibt – und wer sie schnell wieder verlässt. Dass dies negative Auswirkungen haben kann, kann man leicht nachvollziehen.
Für Landingpages gelten daher leicht andere Regeln. Im Optimalfall gibt es hier genau ein Produkt zu kaufen bzw. es wir nur das Suchwortbezogene Produkt vorgestellt. Vernünftige zusätzliche Informationen darzustellen ist trotzdem ok, wenn sie themenrelevant sind, da hier meist das Prinzip „Geiz ist geil“ nicht stimmt. Diese These wird untermauert durch eine Studie von W3B (nur in etwa 7 % der Käufer nennen den billigeren Preis als ausschlaggebendes Argument für den Kauf in einem Onlineshop). Bei http://www.w3b.org/ergebnisse/w3b21/ gibt’s ne Zusammenfassung. Schnick-Schnack, andere Produkte oder Sonderangebot haben auf einer gut gemachten Landingpage eigentlich nichts verloren.

Vorteilhaft sind bei Landingpages abgespeckte Information und eine minimalistische Gestaltung. Sie muss „sticky“, also klebrig sein, damit der flüchtige Besucher hängen bleibt und tiefer in die Site oder den Shop eindringt. Bei Gattungs-Landingpages muss eben einen repräsentative Auswahl der Produkte zur Verfügung stehen. Oft wird aber leider bei den größeren Firmen wieder querverlinkt, gerade wenn die Landingpages gut laufen. Diesen „Traffic“ will man nutzen. Ich bin nicht überzeugt, ob das in allen Fällen eine so positive Wirkung hat.

7. Frage:
Was ist Ihrer Meinung der am häufigsten begangene Fehler im Bereich der Suchmaschinenoptimierung und der Webusability?

Antwort:
Nach wie vor liegt das Problem im falschen Verständnis der Bedeutung der Keywords, der Description. Man findet oft die „alte“ Marketing Denke: „je breiter gestreut, desto mehr trifft die Werbebotschaft“. Man nimmt lieber noch immer Quantität als Referenz und nicht die Qualität.
Viele Unternehmen kommunizieren in ihrem eigenen Begriffsraum und haben noch nicht erkannt, dass der Suchende meist mit einem Problem oder einer Problemumschreibung kommt, für das er eine Lösung sucht. Produkte oder gar genaue Produktbezeichnungen kennt er in der Regel gar nicht.


8. Frage:

„Auf der SEMSEO 2007 in Hannover wurde einiges über die neuen Maßnahmen zur Entdeckung von Spamblogs und Linknetzwerken berichtet. Viele SEOS’s haben nun Bedenken bezüglich Ihrer internen Strukturen. Wie stehen Sie zu den erwarteten Updates der Google-Algorithmen? Welche Möglichkeiten hat denn eine Firma, die als 10.000ste mit ihrer Produktpräsentation an den Start geht?“

Antwort:
Meine Vermutung lautet, dass unnatürliche Verlinkung schon seit Jahren bei Google verfolgt wird. Die technische Realisierung der Updates ist kein großer Aufwand dennoch muss dabei natürlich einiges beachtet werden denn schließlich sind beispielsweise herkömmliche Banner auch Paid Links.
Google weiß ganz genau was natürliche Links sind und was nicht. Die Bloglinks werden sicher nicht vollständig entwertet. Das Problem von Google ist wahrscheinlich eher, dass es einer enormen Rechenpower bedarf um die aktualisierten Algorithmen auch genügend häufig laufen zu lassen. Außerdem werden schätzungsweise 60-80% der Google Ressourcen auf neue Technologien und Medien verwendet und vergleichsweise ein kleiner Teil für die eigentliche Suchmaschine. Oft ist es ja so, dass wenn Google was macht, dann sind es erfahrungsgemäß relativ saubere und stabile Lösungen. Deshalb dauert das einfach so lange bis hier –sichtbar- was passiert.

Grundsätzlich gilt vor allem für Unternehmen folgendes:
Eine saubere Optimierung und die Bereitstellung sinnvoller Information für andere bei der Einhaltung aller konformen Strategien für die Optimierung sorgen auf lange Sicht für ein gutes Ranking und man hat nichts vor neuen Filtern zu befürchten. Man kann sich sogar darauf freuen, da die Updates diejenigen treffen, die mit „unfairen Methoden“ arbeiten. Eine tumbe Aneinanderreihung sinnloser Begriffe, die von einer Maschine wahllos aus dem Web zusammengeklaut werden und als „Content“ auf Webseiten generiert werden – diese Methoden gehören auf den Friedhof der SEO-Bastler. Semantische Analysen auf sinnvollen Satzbau und Wortverwendung sind kein Zauberwerkzeug und damit können solche Website-Fledderer auch gut gefiltert werden.

9. Frage:
„Zu welchem Thema wünschen Sie sich Informationen auf www.themenrelevant.de?“

Antwort:
Die Mischung der Themen gefällt mir soweit. Interessant fände ich aber mehr Informationen und Tipps zu online verfügbaren Tools in diesem Bereich.

10. Frage:
Sind Strukturwandlung bzw. technologische Veränderungen in der nächsten Zeit absehbar die ein tiefer gehendes Umdenken im Bereich der Suchmaschinenoptimierung notwendig machen? (IP6 Einführung, Semantic Web Ansatz etc.)

Antwort:
Unmittelbar nicht. Was aber zukünftig für Optimierer zu Problemen führen kann ist eventuell die Datensammlung, die von Google betrieben wird. Ist man bei Google mit seinem Googleaccount eingeloggt so werden die Daten, die mit Google ausgetauscht werden getrackt und gespeichert. Diese Vorgehensweise führt irgendwann zu personalisierten Suchergebnissen, die von User zu User variieren und dann wird eine Optimierung im herkömmlichen Sinn schwerer bzw. aufwendiger.

11. Frage:
Welche Einstellung haben Sie zu dem NoFollow – Tag?

Antwort:
Im Head halten sich meines Wissen nach alle großen Suchmaschinen daran.
In den Links selbst kann ich mir durchaus vorstellen, dass sie bei der Verlinkung von Autoritäten aus möglicherweise trotzdem gewertet werden.
Die Einführung des No –Follow-Tags war eine gute Marketingmaßnahme der Suchmaschinen. Allen Spammern wurde damit gesagt, dass Linkspam an solchen Stellen nichts mehr nützt. Gemacht wird er leider trotzdem noch.

12. Frage:
Wann kauft Microsoft Yahoo?

Antwort:
Die Frage ist eigentlich nicht relevant für den deutschen Markt, da dieser von Google dominiert wird. Zudem beherrscht Google den Markt der zielgerichteten (relevanten) Werbeschaltungen um Längen besser als die Mitbewerber. Ich weiß, dass die das gar nicht gerne hören oder lesen. Aber man trifft auf der „Anwenderseite“ selten jemand, der den Aufwand betreibt, Keyword-Advertising in mehreren Suchmaschinen zu schalten. Wie sehr Microsoft brennende Socken hat, zeigt wohl der aktuelle Kauf von Aquantive für sechs Mrd. US $. Dieser Preis liegt rund 85% über dem Börsenpreis! Aber nach dem man bei Doubleclick, Yahoo und 24/7 RealMedia das Nachsehen hatte, wollte man wohl hier endlich auch mal zum Zuge kommen. Denen läuft einfach die Zeit davon. 1995 sagte Bill Gates „There is no money for us in internet“ – und ich befürchte, dass er noch nicht realisiert hat, dass das auch heute zumindest für Microsoft noch stimmen könnte …

Herr Fischer wir danken Ihnen für das Gespräch!

Fabian und Anwar

bisher 11 Kommentare - Eigenen Kommentar schreiben

  • 1. SEO News Blog » Int...  |  01.06.2007 um 15:27

    [...] Themenrelevant findet man ein spannendes Interview mit Mario Fischer, den Autor von Website [...]

  • 2. HerbertNo Gravatar  |  01.06.2007 um 15:32

    „There is no money for us in internet“ wie wahr für Microsoft; und Bill Gates hat’s schon vor über 10 Jahren gewusst ;-)

  • 3. SeparateLIFE » Flie...  |  01.06.2007 um 19:08

    [...] im Interview desselben! [...]

  • 4. FrankNo Gravatar  |  02.06.2007 um 00:17

    Ein interessantes Interview!
    Sein Buch kann ich übrigens auch empfehlen, man sollte nicht zu viel “Neues” erwarten, aber es ist gut geschrieben, enthält viele Tipps und regt doch an einigen Stellen immer wieder zum nachdenken an.

  • 5. ZweiflerNo Gravatar  |  02.06.2007 um 22:51

    Auch wenn ich das Buch von Prof. Fischer als recht lesenswert empfinde, so ist es a) schon recht alt (für SEO Verhältnisse) und enthält leider auch schon grundsätzlich Ungenauigkeiten und Unwahrheiten. Wie auch dieses Interview: Die Aussagen über Google Analytics sind schlichtweg falsch! Wenn man vom europäischen Datenschutzrecht keine Ahnung hat: Frei nach Dieter Nuhr: einfach mal Fresse halten!

  • 6. AnwarNo Gravatar  |  03.06.2007 um 12:11

    Interessant – eine alternative Meinung. Vielen Dank für den Kommentar von Zweifler – das schreit ja gerade zu nach einer Diskussion. Ich würde mich gerne über diesen Sachverhalt mit dir austauschen, da ich anderer Meinung bin, was z. B. das Geltungsrecht von Europarecht gegenüber dem (deutschen) Bundesrecht betrifft. Hier gibt es einige großzügig ausgelegte Bestimmungen aber es wird trotzdem von Konfliktfall zu Konfliktfall entschieden.
    Wäre es möglich uns diesbezüglich eine Nachricht zukommen zu lassen (E-Mail: anwar[punkt]ayad[at]kiseo[punkt]de).

    Um abschließend auch mal ein Zitat zu bringen:

    “Was kümmert es den starken Stamm der Eiche, wenn das Borstenvieh sich an ihr reibt.” ^^

    Grüße,

    Anwar

  • 7. nk-medien » Blog Ar...  |  05.06.2007 um 14:13

    [...] Interview mit Mario Fischer [...]

  • 8. coinNo Gravatar  |  08.06.2007 um 14:01

    Schönes Interview mit geilem ende.
    “ich befürchte, dass er noch nicht realisiert hat, dass das auch heute zumindest für Microsoft noch stimmen könnte” pwnd :)

  • 9. Mario FischerNo Gravatar  |  17.07.2007 um 09:51

    >Frei nach Dieter Nuhr: einfach mal Fresse halten!

    Dann hat er mich also hier gefunden, der Lars K. Anscheinend nimmt er mir meinen Blogbeitrag (http://www.website-boosting.de.....blem_.html)
    noch immer übel – hat das Dieter Nuhr Zitat aber jetzt verstanden ;-)

    Schade immer nur, dass Heckenschützen sich so selten aus der Deckung trauen, um hinter dem zu stehen, was sie sagen – vor allem aber, um eine sachlich Diskussion zu führen. Wenn wir schon jemanden hier haben, der in der Interpretation des europäischen Datenschutzrechts top ist, warum lässt er uns dann nicht teilhaben an dem Wissen?

    Gruß,
    Mario

  • 10. ChrisNo Gravatar  |  08.01.2008 um 21:05

    Nettes Interview…ich fand das Buch völlig OK. Ein guter Einstieg – und wer kann behaupten das Informationen und Tatsachen zeitlos sind?

  • 11. Suchmaschinenoptimierer KölnNo Gravatar  |  11.01.2008 um 19:45

    lol Microsoft sollte vielleicht ein Online Betriebssystem raus bringen, dann können Sie auch wieder Geld durchs Internet verdienen :P

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